Mit dem Tinnitus – statt dagegen

Sicherlich werden Sie bei dieser Überschrift zunächst einmal stutzig. Das ist ja fast, als wollten wir von Ihnen verlangen, sich mit einem „Feind“ zu verbünden. In einer gewissen Form ist es auch so. Im Achtsamkeitstraining bei piahno werden Sie trainieren, in die Empfindung des Tinnitus „hineinzutauchen“ oder in ein anderes, damit verbundenes Gefühl, Erlebnis oder einen Gedanken. Das scheint zunächst unlogisch. In unserer Kultur werden wir doch eher dazu angehalten, so weit wie möglich körperlichen oder seelischen Schmerz zu vermeiden!

 

Die meisten von uns versuchen deshalb, vor allem Unangenehmen einfach wegzulaufen. Vielleicht raten auch wohlmeinende Experten oder Freunde „Ach, ignoriere es einfach“, oder „Tu einfach so, als wäre es gar nicht da“, oder „Lenke Dich ab und sei beschäftigt“.

Das hört sich alles ganz vernünftig an – aber was machen wir konkret, wenn wir merken, den Tinnitus können wir weder ignorieren, noch beiseite drücken oder uns davon ablenken?

Fassen wir nochmal zusammen: Gegen eine Missempfindung anzukämpfen bringt nichts. Beiseite drücken, verdrängen, ablenken hilft im konkreten Falle auch nicht. Und hier schließt sich der Kreis: Wir wollen lernen, mit dem Gefühl zu arbeiten. Dafür müssen wir es aber zunächst annehmen.

 

Die Kraft der Achtsamkeit

Eine Achtsamkeitsübung hilft uns, hineinzugehen in das Gefühl und nicht davor wegzulaufen. Aber das „hineingehen“ vollziehen wir auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Wir erleben den Moment in seiner ganzen Fülle (angenehm, unangenehm und/oder neutral) mit annehmender Akzeptanz, Neugier, Offenheit und ohne zu urteilen.

 

Zum Beispiel kann es sein, dass Sie morgens aufwachen und ein unangenehmes Tinnitusempfinden verspüren. Sofort werden Gedanken auftauchen wie „Oh nein, das Summen oder Klingeln stört mich. Das wird ein schrecklicher Tag“. Während das unangenehme Gefühl anhält, können Sie mit dem Moment achtsam umgehen. Nehmen Sie das Gefühl wahr, aber ohne mit dem Vergrößerungsglas Ihrer Urteile und Gedanken darüber zu gehen und zu vermuten, was die Zukunft wohl bringen mag. Machen wir uns klar: Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, also handelt es sich dabei nur um Annahmen und Kreationen unseres Geistes.

 

Wenn Sie in den Tinnitus hineinhorchen, richten Sie eine liebevolle Achtsamkeit auf das was ist, ohne falsche Interpretationen, die zu Sorgen und Kummer führen werden. Im Laufe eines piahno-Kurses können Sie herausfinden, dass – auch wenn der jetzige Moment unangenehm ist – es möglich ist, mit dem Tinnitus zu leben und schlussendlich die innere Balance wiederzufinden.

 

Anregung: Vielleicht stellen Sie sich alle unangenehmen Empfindungen oder Tinnitusbeschwerden  als eine Dame in Schwarz vor, die zugegebenermaßen ungebeten an Ihrer Tür klingelt, Sie können natürlich die Tür geschlossen halten, weil Sie nur die Silouette sehen, und dahinter Böses vermuten, Sie können aber auch – und dazu werden Sie hier ermuntert – die Tür öffnen, und die Dame zu sich hineinbitten. Hören Sie unvoreingenommen zu, was sie Ihnen zu sagen hat. Vielleicht erfahren Sie überraschende und für Sie neue Dinge von ihr.

 

Hinweis

An dieser und auch noch an anderen Stellen möchten wir explizit darauf hinweisen, dass in akuten Fällen, oder wenn Schmerzen übermächtig werden, Ihr erster Gang Sie immer zu einem HNO-Arzt des Vertrauens führen sollte. Lassen Sie dort bitte abklären, was genau und aktuell der Grund für Ihren derzeitigen Gesundheitszustand ist! Das piahno-Programm versteht sich als unterstützender und wirksamer Therapieansatz bei chronischem Tinnitus, nicht jedoch als Akuthilfe.