Wie entsteht Tinnitus

Schon im Mutterleib und – lauter noch – ab der Sekunde unserer Geburt sind wir umgeben von Geräuschen. Unser Gehör nimmt diese auf und verarbeitet sie zu Hörempfindungen, das heißt zu Sprache, Musik, Alltagsklängen, Signaltönen und vielem mehr. Hören ist für uns selbstverständlich, bis es plötzlich zu Störungen kommt. Aber wie funktioniert der Hörvorgang in einem gesunden Ohr eigentlich?


Sinneszellen unseres Innenohrs, die sogenannten Haarzellen, oder Haarsinneszellen wandeln mechanische Reize in elektrische Aktivität. Unser lautes unruhiges Leben fordert den sensiblen Haarzellen tagtäglich einiges ab und gerade wenn man hohem Geräuschaufkommen, ob beruflich oder privat, ausgesetzt ist, müssen diese Zellen oft Schwerstarbeit leisten.

Normalerweise werden die sensiblen Haarzellen im Ohr nach einer Schädigung innerhalb von etwa zwei Tagen vollständig erneuert. Deshalb klingen Hörschäden an den Haarzellen durch starken Lärm meist innerhalb von etwa zwei Tagen wieder ab. Das entspricht der Zeit, in der sie erneuert werden. Es ist nachgewiesen, dass Schädigungen in den Haarzellen bei der Entstehung von Tinnitus aber eine entscheidende Rolle spielen.

 

Anatomie des menschlichen Ohres (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Sgbeer)

Anatomie des menschlichen Ohres (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Sgbeer)

 

Was passiert im Innenohr ?

Das Innenohr ist eines der wichtigsten Sinnesorgane. Es beherbergt die Komponenten des Hörsinns und des Gleichgewichtssinns. Im Bereich des Innenohrs unterscheidet man zwei separate Organe für die Sinneswahrnehmung: Das Vestibularorgan und die Hörschnecke. Die Haarzellen in der Hörschnecke des Innenohres sind die wesentlichsten Sinnesorgane für das Hören. Wie das obige Bild anschaulich zeigt, gelangt eine Schallwelle zunächst über den Gehörgang, das Trommelfell und die Gehörknöchelchen zum ovalen Fenster. Dahinter setzen die Schallwellen in der Hörschnecke (medizinisch: Cochlea) des Innenohrs die membranähnliche Gewebestruktur (medizinisch: Basilarmembran)  in Schwingungen.  Diese Basilarmembran zerlegt dann jedes akustische Signal in seine verschiedenen Frequenzen . Die Sinneszellen entlang der Basilarmembran nehmen die Schwingungen auf und senden sie dann als entsprechende Signale an den Hörnerven.


Welche der Haarzellen  ein Signal aktiviert, hängt folglich von den verschiedenen Frequenzen ab, aus denen sich der Ton zusammensetzt. Wir alle kennen das Gefühl, wenn uns nach stundenlanger Beschallung bei einem Rockkonzert die Ohren dröhnen, oder aber im Gegenzug die Empfindung von Weichheit, mit der sich z.B. ein klassisches Klavierstück  oder sanfte Meditationsmusik förmlich in die Ohren „schmeichelt“. Diese frequenzabhängige Wahrnehmung und Zuordnung setzt sich entlang der gesamten Hörbahn fort. Auch wurde nachgewiesen, dass die eintreffenden Signale an jeweils unterschiedlichen Stellen entschlüsselt werden.

 

Der defekte „Lautsprecher“

Ein Schaden wie oben beschrieben führt dazu, dass Teile der Haarzellen in einem bestimmten Frequenzbereich nicht mehr in normaler Weise aktiv sind. Stellen wir uns als bildlichen Vergleich drei Lautsprecher vor,  wovon plötzlich einer, der für bestimmte Frequenzbereiche (z.B. für Bässe) zuständig ist, nicht mehr richtig funktioniert. Das Gehirn versucht nun, diesen Frequenzbereich , also den einen "defekten Lautsprecher" als Kompensation zu verstärken. In unserem Lautsprecher-Beispiel können Sie es sich so vorstellen, dass die zwei noch funktionierenden Lautsprecher leiser gedreht werden, damit der defekte Lautsprecher besser zur Geltung kommt. Die Signale aus den aktivierten, hemmenden Nervenzellen gelangen zum Hörzentrum des Gehirns (der sogenannten "Hörrinde"). Dies steht  unter dem Einfluss des Mittelhirns („limbisches System“ genannt) und ist vorrangig für Emotionen zuständig.

Normalerweise ist dies von der Natur so angelegt, damit wir uns an Umweltbedingungen anpassen (wie Geräusche "ausblenden", "verstärken", "Hörgenuss" vermitteln). In unserem Beispiel aber werden die Signale nun unter dem Einfluss der Emotionen als Störsignale wahrgenommen und verstärkt. Im Falle des Tinnitus hieße das, man wird dadurch auf den Tinnitus aufmerksam.  Nun richtet der Betroffene seine Aufmerksamkeit darauf und – behaftet mit der unschönen Wahrnehmung, verstärkt sich eine negative emotionale Haltung gegenüber dieser „Ruhestörung“. Was jetzt in Gang kommt ist eine Art Rückkopplungsschleife zwischen dem Hörrinde und dem limbischen System. (Das erklärt auch den engen Zusammenhang von Tinnitus und Emotionen!)

Wenn dieser Mechanismus lange andauert, hört der Patient nur noch die "Störsignale".  Das ist vergleichbar mit einem lange andauernden Schmerz; was wir zunächst noch innerlich dulden, oder mit Schmerztabletten zu kontrollieren versuchen, ist auf die Dauer enervierend und belastend. Ebenso geht es jetzt dem  Hörsystem: es ist andauernd aktiviert, ohne dass wirklich Schall am Ohr eintrifft. So kann sich aus einer defekten Haarzellaktivität zu Beginn (die man übrigens auch messen kann) unter Einfluss des "Lautstärkereglers der Gefühle" im limbischen System ein anhaltender Tinnitus entwickeln.

 

Zusammenfassung

Fassen wir nochmal zusammen: Am Anfang versucht das Gehirn gewissermaßen noch, defekte Haarzellen im Ohr zu regulieren. Später aber führt genau dieser Regulierungsmechanismus durch emotionale Verstärker zum anhaltenden Tinnitus. Ein Hörschaden allein macht also noch keinen Tinnitus. Dieser entsteht erst, wenn das Gehirn versucht, fehlende Eingangssignale auszugleichen. Das nervtötende Phantomgeräusch tönt umso lauter, je aktiver die positive Rückkopplung zwischen „Emotionssystem“ und Hirnrinde arbeitet. So spielt letztendlich unser Gefühlsleben bei der Entstehung der Hörstörung eine entscheidende Rolle – das limbische System dreht den Lautstärkeregler!